Blanchard Ayinza Boke ist Landeskoordinator von Connexio develop in der DR Kongo. Er lebt mit seiner Familie in Kinshasa und erlebt in diesen Tagen Vieles, das ihn wütend und traurig macht. Wir sprachen am 29. Januar mit ihm darüber
Die Situation ist im Osten des Landes sehr schwierig, insbesondere in Nord-Kivu und vor allem in der Stadt Goma und ihrer Umgebung. Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert und eskaliert weiter.
Die Rebellengruppe M23 wird von den ruandischen Streitkräften (RDF) unterstützt. Seitdem finden heftige Kämpfe zwischen den Rebellen und den kongolesischen Streitkräften (FARDC) rund um den Flughafen von Goma statt. Bis gestern Abend kam es auch zu Strassenkämpfen zwischen diesen bewaffneten Gruppen.
Die Situation ist chaotisch. Humanitäre Organisationen, die in Goma tätig sind, haben ihre logistischen Kapazitäten verloren. Bei vielen Organisationen wie dem Roten Kreuz wurden Lagerhäuser zerstört, in denen Lebensmittel und andere Güter gelagert wurden.
Strom, fliessendes Wasser und Internetverbindung sind nicht mehr verfügbar. Die Bevölkerung wird gewarnt, zu Hause zu bleiben, da es bewaffnete Kämpfe auf den Strassen gibt. Ein Freund, der derzeit in Goma ist, hat mir erzählt, dass die Menschen unter ihren Betten Schutz suchen.
Gestern war es in Kinshasa sehr angespannt. Wütende Menschenmengen demonstrierten auf den Strassen und griffen Botschaften westlicher und einiger afrikanischer Länder in Kinshasa an.
Die USA, Frankreich, Belgien, Ruanda, Uganda und Kenia waren Opfer dieser Angriffe. Die Botschaften von Belgien, Kenia und Frankreich wurden teilweise niedergebrannt und zerstört, während die Botschaften von Ruanda und Uganda vollständig zerstört wurden. Dies geschah aufgrund ihrer Beteiligung am ineffizienten Friedensprozess oder ihrer diplomatischen und militärischen Unterstützung für Ruanda.
Heute Morgen ist Kinshasa relativ ruhig, obwohl die regierende politische Partei (UDPS) gestern zu einer grossen Demonstration für heute aufgerufen hatte. Viele Banken, Schulen, Geschäfte und Einkaufszentren bleiben geschlossen. Der Verkehr ist sehr gering, da viele Menschen Angst vor Gewalt haben, nachdem es gestern zu Ausschreitungen kam.
Die Menschen im Kongo wollen, dass ihre Regierung die Krise im Osten des Landes bekämpft und löst. Ruanda und die M23 haben Millionen von Kongoles:innen getötet. Die Vereinten Nationen haben über Verbrechen und Missbräuche an Kindern und Frauen durch die M23 und Ruanda berichtet, doch die internationale Gemeinschaft schweigt zu diesen Verbrechen. Ruanda wird nicht sanktioniert und wird für seine menschlichen und wirtschaftlichen Verbrechen sogar belohnt.
Vor kurzem hat die Europäische Union Ruanda 20 Millionen Euro als Militärhilfe gewährt. Die Wahrheit ist, dass Ruanda im Kongo tötet, stiehlt und Mineralien (vor allem Coltan) auf dem nach den wertvollen Mineralien hungrigen Weltmarkt verkauft.
Die Bürgerinnen und Bürger des Kongos fordern ein Ende des Diebstahls, der Misshandlung von Frauen und Kindern und der Tötung von Menschen für Mineralien. Sie fordern einen fairen und sauberen Handel mit Mineralien. Seit drei Jahrzehnten werden kongolesische Bürger getötet. Schluss damit! Schluss damit! Schluss damit!
Die Bevölkerung Kongos will, dass Ruanda sich vom Territorium der DR Kongo fernhält und die Unterstützung für die M23 einstellt, eine mörderische Rebellenmiliz, die sich teilweise durch den illegalen Handel mit Mineralien finanziert.
Die Situation könnte sich verschlimmern, wenn keine grossen diplomatischen Anstrengungen unternommen werden. Der Friedensprozess unter Vermittlung der Republik Angola ist derzeit blockiert. Die DR Kongo lehnt jegliche Verhandlungen mit der Rebellengruppe ab, und der ruandische Präsident nahm nicht an dem letzten Treffen teil, das vor einigen Wochen in der Stadt Luanda geplant war.
Es sieht so aus, als ob die Lösung ein militärischer Konflikt zwischen der DR Kongo und Ruanda über die M23 sein wird.
Die Rebellen bewegen sich nun auch in Richtung Bukavu, der Hauptstadt der Provinz Süd-Kivu. Bevor sie Goma angriffen, drangen die Rebellen in Minova ein, eine kleine Stadt an der Grenze zwischen Nord- und Süd-Kivu. Ein Rebellenführer behauptet, dass das Ziel Kinshasa ist. Da die Situation im Gebiet um Goma eskaliert, wird Kinshasa in den kommenden Tagen mit Gewalt konfrontiert sein.
Ich stehe regelmässig in Kontakt mit Frau Rose, der derzeitigen Projektleiterin des Friedensförderungsprojekts in Uvira. Das Projektteam ist bis jetzt sicher, und das Projektgebiet ist von dieser Konfliktphase in Goma noch nicht betroffen.
Der Konflikt im Osten der DR Kongo (der hauptsächlich die Regionen Nord- und Süd-Kivu umfasst) ist komplex und eine Mischung aus politischen, identitären, wirtschaftlichen und Landfragen. Das Friedensförderungsprojekt arbeitet an einem friedlichen Zusammenleben zwischen lokalen Gemeinschaften
Das Projekt schafft Begegnungsräume für Mitglieder verschiedener lokaler Gemeinschaften, um sie zunächst in Kontakt zu bringen und ihre Lebensgrundlagen im Kontext der Armut zu verbessern.
Ich habe keine Angst vor der Situation. Ich habe gemischte Gefühle. Ich bin traurig, enttäuscht, wütend und gleichzeitig motiviert für Veränderungen in der DR Kongo.
Ich bin enttäuscht über das Schweigen angesichts so vieler Gräueltaten und Ungerechtigkeiten im Kongo, die zugunsten von Profit und wirtschaftlichen Interessen geschehen. Ich frage mich, ob fairer Handel nicht mit dem Respekt vor dem menschlichen Leben vereinbar ist.
Trotz der Krise setzen wir uns weiterhin für Frieden und Versöhnung ein. Das Friedensförderungsprojekt unserer Partnerkirche in Uvira schafft Begegnungsräume für verfeindete Gemeinschaften und verbessert die Lebensgrundlagen der Menschen.
Unser Nothilfeprojekt unterstützt 190 besonders gefährdete Familien – darunter schwangere Frauen, Alleinstehende, Ältere und Menschen mit Behinderungen. Sie finden Schutz in Kirchen oder Gastfamilien und erhalten lebenswichtige Nahrungsmittel sowie Hygieneartikel.