«Karibu» – eine Reise durch den Kongo
Anita Müller, Programmverantwortliche bei Connexio develop, reist zum ersten Mal in die DR Kongo. Wie es war, erzählt sie im folgenden Text.
Während meiner Einführung in die Arbeit als Projektkoordinatorin im Mai dieses Jahres hatte mir unser ehemaliger Projektkoordinator Jean-Paul Dietrich beiläufig ein siebenhundertseitiges Geschichtsbuch über den Kongo mitgegeben. Ich hatte mir fest vorgenommen, zumindest die Kapitel seit der Unabhängigkeit zu lesen, bevor ich zum ersten Mal in den Kongo reisen würde.
Von der Theorie zur Praxis: Eine «unvorbereitete» Ankunft
Schlussendlich reichte die Zeit bis zur Abreise nur für ein Überfliegen ausgewählter Passagen. Wie sich aber auch in den folgenden Wochen herausstellte, ist es in der Tat unmöglich, sich mit Literatur auf etwas vorzubereiten, das man erleben muss.
Zusammen mit Ulrich Bachmann und unseren Landeskoordinator Blanchard Ayinza Boke durfte ich während zwei Wochen in die kongolesische Kultur eintauchen und einmal quer durch das Land reisen. Natürlich waren wir nicht für touristische Vergnügen unterwegs, sondern haben in Kinshasa, Kindu und Lubumbashi Partnerorganisationen und Projekte besucht.
Kinshasa: Von chaotischem Wachstum und marginalisierten Quartieren
Kinshasa, unsere erste Destination, ist nicht nur die Hauptstadt des Landes, sondern auch weltweit eine der am schnellsten wachsende Städte. Laut Worldometers wohnen aktuell sechzehn Millionen Menschen in dieser Stadt und jährlich kommen bis zu rund fünf Prozent neue Einwohner:innen dazu. Viele der Menschen, die aufgrund von Konflikten oder in der Hoffnung auf bessere Möglichkeiten nach Kinshasa gezogen sind, lassen sich in den Aussenquartieren nieder – dort, wo das Leben noch bezahlbar ist. Die Infrastruktur konnte mit dem raschen Wachstum nicht mithalten, und auch die Einkommensmöglichkeiten sind oft stark eingeschränkt. Diese Daten und Fakten, die ich mir kurz vor der Abreise eingetrichtert habe, gingen mir durch den Kopf, als ich aus dem Fenster des Flughafentaxis schaute und den chaotischen Verkehr und den Menschentrubel an den Strassenrändern wahrnehme.
Kingabwa: Zwischen Polizeischutz und Modenschau
Zu diesen marginalisierten Stadtteilen gehört Kingabwa, wo die Methodisten eine lokale Kirche sowie ein kleines Sozialzentrum führen. Bereits die Autofahrt zum Stadtteil Kingabwa war bezeichnend: Vom gut ausgebauten Zentrum ging es dem Kongo-Fluss entlang, durch das Industriegebiet voller stillgelegter Fabriken, über eine holprige Strasse ins Wohnviertel Kingabwa. In diesem Quartier gibt es neben fehlender Infrastruktur und Armut auch Probleme mit Jugendbanden – den sogenannten Kulunas. Unsere Gastgeber sorgten deshalb dafür, dass Polizisten während unseres Aufenthaltes Wache hielten. Dies kriegten wir jedoch mitten in diesem freudigen Menschentrubel, mit dem wir vor dem methodistischen Sozialzentrum empfangen wurden, gar nicht mit. Voller Eifer wurde uns eine Modeschau dargeboten, in der uns junge Kursabgängerinnen des von Connexio unterstützen Schneiderkurses ihre selbst genähten Kleider präsentierten. Kongolesische Frauen – so wurde mir das auch während meines Aufenthaltes immer wieder erklärt – haben ein Flair für schöne Kleidung. Sowohl in armen Stadtteilen wie Kingabwa oder in ländlicheren Gebieten tragen sie schön geschnittene Kleider aus bunten Stoffen. Auch wir wurden überall, wo wir zu Besuch waren, eingedeckt mit traditioneller Kleidung.
Kindu: Armut im grünen Paradies
Nach der Grossstadt Kinshasa ging unsere Reise weiter in den Osten – ein komplett anderer Kontext. Bereits beim Anflug konnte ich mich nicht sattsehen an dem vielen üppigen Grün rund um Kindu. Für mich, nach der anstrengenden Zeit in der chaotischen Hauptstadt, wirkte Kindu wie ein Paradies. Doch hinter dieser Idylle verbergen sich fehlende Infrastruktur, begrenzter Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung und kaum Einkommensmöglichkeiten. Die Konflikte im Osten haben dazu geführt, dass Produkte aus Kinshasa eingeflogen werden müssen – mit entsprechenden Preisen. Der Kaufpreis einer kleinen Wasserflasche übertrifft sogar Schweizer Verhältnisse.
Centre Maman Lynn: Befähigung durch Nähmaschinen
Aufgrund der Sicherheitslage konnten wir nur das von Connexio unterstützte Centre Maman Lynn in Kindu besuchen und – zu meinem Verdruss – nicht weiter in den Süd-Kivu reisen, wo das Friedensprojekt durchgeführt wird. Im Centre Maman Lynn erhalten Frauen Unterricht in Lese- und Schreibkompetenzen und lernen anschliessend Schneidern. Am Ende des einjährigen Kurses erhalten sie eine eigene Nähmaschine, um ihre neuen Kompetenzen selbstständig umzusetzen. Besonders eindrücklich war es, zwei Absolventinnen zu Hause zu besuchen und zu sehen, wie sie seit dem Kursabschluss ihren Lebensunterhalt sichern. Eine von ihnen, Safti Lufungula, 22-jährig und alleinerziehende Mutter, schneidert täglich im Schnitt drei Kleidungsstücke und gab, als wir bei ihr vorbeischauten, gerade einer Freundin Nähunterricht. So wird eine einzige Nähmaschine zum Motor für eine ganze Gemeinschaft. Diese Begegnungen haben mir verdeutlicht, wie ermächtigend eine so niederschwellige Ausbildung sein kann.
Während unseres Aufenthalts erfuhren wir, dass auch der Verteidigungsminister in der Stadt war, da sich die Sicherheitslage rund um Kindu zugespitzt hatte. Am Flughafen standen bereits eine Militärparade und ein mit Munition beladenes Flugzeug bereit. Vor diesem Hintergrund verliessen wir den Osten mit einem bedrückten Gefühl – um im Süden wieder eine völlig andere Realität vorzufinden.
Lubumbashi: Trügerischer Wohlstand
Lubumbashi ist die zweitgrösste Stadt des Landes und durch die Minenindustrie zu einem gewissen Wohlstand gekommen. Die Strassen wirken etwas moderner, ein Golfplatz schmückt den gehobenen Stadtteil. Doch dieser Wohlstand ist wenigen vorbehalten. Bereits unweit ausserhalb der Stadt zeigt sich uns eine andere Wirklichkeit: Viele Menschen aus konfliktbetroffenen Regionen haben sich in den Randquartieren niedergelassen und leben unter erschwerten Bedingungen. Das Projekt «Child Action Initiative» ermöglicht den vulnerabelsten Kindern und Jugendlichen zur Schule zu gehen. Doch schnell wurde uns klar, dass es ein Kampf gegen Windmühlen ist: Auch wenn viele Kinder bereits profitieren konnten, steigt die Zahl der vulnerablen Kinder stetig weiter. Entsprechend war ich auf der Rückfahrt ins Stadtzentrum etwas ratlos in Gedanken versunken.
Mit dem Aufenthalt in Lubumbashi endete unsere zweiwöchige Reise. Die vielen Gespräche und Eindrücke liessen die ersten Tage in Kinshasa schon bald weit entfernt erscheinen. Trotz der teils bedrückenden Lebensrealitäten waren die Begegnungen bemerkenswert warmherzig. Besonders in den Suaheli-sprachigen Regionen begegnete uns ständig das Wort «karibu» – «willkommen», «komm rein». Es steht sinnbildlich für die offene Gastfreundschaft, die wir erleben durften.
Zurück in die Schweiz: Die Reise wirkt nach
Wieder zurück in der Schweiz musste ich meine vielen Eindrücke erst einmal sortieren. Dieser Text ist ein Teil dieses Verarbeitungsprozesses. Als Nächstes werde ich das erwähnte Geschichtsbuch erneut aus dem Regal nehmen. Denn auch wenn man den Kongo hautnah erlebt, hilft das Verständnis der Geschichte letztlich dabei, die Eindrücke einzuordnen und die beeindruckende Komplexität des Landes besser zu verstehen.
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In der DR Kongo gefährden gewaltsame Konflikte, extreme Ernährungsunsicherheit und die Ausbeutung von Rohstoffen das Leben von Millionen. Staatliche Hilfe ist kaum spürbar, internationale Mittel wurden gekürzt.
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