Montag, 4. Mai, 10.57 Uhr: Blanchard Ayinza Boke, Koordinator von Connexio develop in Kinshasa, loggt sich ein und entschuldigt sich. «Ich bin um 5.30 Uhr losgefahren und erst jetzt im Büro angekommen; es hatte so viel Stau». Er wird heute eine erste Online-Schulung für Projekt- oder Finanzverantwortliche der Methodistenkirche leiten. Anita Müller, Programmleiterin von Connexio develop für die DR Kongo, unterstützt ihn dabei.
Ein Gesicht nach dem anderen taucht auf; die einen Personen hört man nicht, andere sieht man nicht – die Internetverbindung ist nicht überall stabil. Blanchard Ayinza Boke nutzt die Zeit, bis alle bereit sind: «Rose, wie geht es bei euch in Uvira?» Rose Nabintu, Koordinatorin des Friedensförderungsprojekts, lächelt. «Gut. Wir sind da. Wir sind noch da, dank Gottes Gnade». Uvira war im Dezember von Rebellen der M23 besetzt. Rose Nabintu hatte spontan 15 Frauen bei sich aufgenommen. Auch eine weitere Teil-nehmerin, Marie-Claire Manafundu, arbeitet in der Krisenregion Ostkongo. Sie leitet ein Alphabetisie-rungsprojekt für Frauen. Placide Ndjekambodi führt ein Projekt für Berufsbildung für gefährdete Ju-gendliche und Frauen in Kinshasa und auch das Umfeld der drei anderen Teilnehmenden ist sehr her-ausfordernd.
Nicht alle haben dasselbe Vorwissen in Projektmanagement. Das Ziel mehrerer Schulungseinheiten ist es, die Grundlagen dazu zu vermitteln. Alle Projekte sollten klar und in sich schlüssig aufgebaut sein, beginnt Blanchard Ayinza Boke. Weil man mit einem Projekt zu einer Lösung kommen wolle, stehe das Identifizieren des Problems vor Ort am Anfang. Die Ärztin Marie-Claire Manafundu könne zum Beispiel durch ihre Stadt gehen, und viele unterernährte Kinder sehen. Zum eigenen Beobachten kämen die Um-fragen. «Sprecht mit den Menschen, bleibt nicht im Büro sitzen», ermutigt der Koordinator.
Alle erkannten Probleme kommen auf eine Liste: Kindersterblichkeit, Schulversäumnisse, viele Kinder mit Durchfallerkrankungen, verschmutztes Fluss- und Quellwasser, fehlende Gesundheitsversorgung, unzureichende Hygiene… Welches ist nun das Hauptproblem? Ist es A: die fehlenden Latrinen? B: die vielen Durchfallerkrankungen von Kindern unter 5 Jahren? C: das unsaubere Trinkwasser? Blanchard Ayinza Boke hat den Ansatz: Zuerst kommen die menschlichen Grundbedürfnisse und daraus leitet man das Grundproblem ab. Das nimmt man in die Mitte und schaut: Was sind die Gründe dafür und was die Folgen davon? Das menschliche Grundproblem sind hier die vielen Durchfallerkrankungen. Die Wurzeln sind fehlende Latrinen und unsauberes Trinkwasser. Die Folgen sind Schulversäumnisse und hohe Kindersterblichkeit.
Anita Müller ergänzt, dass es nicht immer einfach sei, das wichtigste Problem zu erkennen. «Kleine Kinder fragen oft: Warum? Ihr antwortet und sie fragen wieder: Warum? So zu fragen kann euch helfen, zur Wurzel des Problems zu kommen.» Rose Nabintu möchte wissen, wer das Problem definiert: «Jemand aus der Ethnie der Banyamulenge findet etwas ein Problem. Aber wir anderen nicht.» Blanchard Ayinza Boke macht Mut, den Problemfokus selbst zu wählen. Dieser dürfe subjektiv und an den eigenen Handlungsmöglichkeiten orientiert sein. Nach der Identifikation des Problems kämen das Planen, die Finanzen, das Ausführen und die Evaluation, führt er weiter durch die Schulung und kommt zu den Risiken.
Bei externen Risiken, wie dem Krieg in Uvira, könnten sie nichts tun. Trotzdem sei es wichtig, möglichst proaktiv zu sein. Marie-Claire Manafundu bekräftigt: «Können wir ein Projekt machen, das den Krieg stoppt? Nein. Aber wir können die Probleme in unserer Gesellschaft sehen und versuchen, sie zu attackieren, zu lösen.» Wann im Prozess soll man sich um ein Risiko kümmern? Was kann Connexio tun, wenn das Risiko zu gross wird? Darf ich mein Projekt ändern? Blanchard Ayinza Boke beantwortet jede Frage ausführlich und wertschätzend. Er regt an, von Anfang an die Risiken zu bedenken und sich bei Änderungen sofort zu melden. Connexio könne teilweise Unvorhergesehenes finanziell ausgleichen.
Der Koordinator skizziert anhand von einem Baum, wie die Teilnehmenden zu Lösungen kommen. Dazu nehmen sie das Hauptproblem in die Mitte und formulieren, was sie ändern wollen. Also: Verhinderbare Durchfallerkrankungen reduzieren (Baumstamm). Dazu braucht es sauberes Trinkwasser (Wurzeln) und eine sichtbare Folge ist die verringerte Kindersterblichkeit (Blätter).
Es geht noch kurz zu den Indikatoren, den Beweisen, dass sich etwas geändert hat: «Doktor Marie-Claire, das Problem ist gelöst und Sie spazieren durch Ihre Stadt. Was ist anders?» Es habe weniger unterernährte Kinder, antwortet sie. Aber wann ist ein Resultat gut genug? Blanchard Ayinza Boke rät, die Ressourcen gut anzuschauen und nicht Unmögliches zu wollen. Er bittet alle, die Hausaufgaben zu machen: «Zeichnet für euer Projekt einen Problem- und einen Lösungsbaum. So könnt ihr üben.»
Es ist 13.15 Uhr. Alle winken mit beiden Händen: «Hallo Placide», «Ciao Judith» und «Merci Anita und Blanchard!»
Damit Lösungsbäume wachsen können, braucht es uns alle:
Gemeinsam mit lokalen Partnern leisten wir Hilfe, die ankommt.
Connexio develop unterstützt in der DR Kongo u.a. Spitäler und Gesundheitsdienste, Bildungs- und Friedensförderungsprojekte.