«Klimawandel bedeutet viel mehr als nur: es ist heiss!»
Ein Gespräch mit Socheata Chap, unserer Koordinatorin in Kambodscha, über die Klimaveränderung, ihre Arbeit und was ihr Hoffnung gibt.
Socheata Chap arbeitet seit mehr als vier Jahren als Koordinatorin in Kambodscha. Sie erzählt von offensichtlichen und stillen Tragödien, von einem Dilemma beim Reisanbau und warum «Geduld haben» für sie wichtig geworden ist.
Socheata, du koordinierst für Connexio hope and develop das Programm der Methodistenkirche in Kambodscha. Was beschäftigt dich gerade?
Ich bin zutiefst betrübt über die Zusammenstösse mit Thailand vom 24. Juli. Es bricht mir das Herz, dass zahlreiche Familien flüchten müssen, darunter viele Kinder und ältere Menschen. Ich hoffe aufrichtig auf eine rasche Lösung des Konflikts und dass die Vertriebenen die dringend benötigte Fürsorge und Unterstützung erhalten.
Das hoffen wir mit dir zusammen.
Zu deiner Arbeit: Du unterrichtest Englisch an der Bibelschule, schulst Pfarrpersonen in Leitungsfragen, arbeitest bei einem Dorfentwicklungsprojekt mit – was machst du am liebsten?
Am liebsten bin ich in Kontakt mit den Bauernfamilien. Ich habe erlebt, wie es ist, wenn man nicht weiss, was man morgen essen wird. Meine Familie ist nicht reich, aber es geht uns gut, wir haben dreimal am Tag zu essen und das ist Luxus. Ich möchte mithelfen, dass es auch andern gut geht. Das ist meine Leidenschaft, darum bin ich aus den USA zurückgekommen.
Wie sieht die Arbeit mit den Bauernfamilien aus?
Ziel ist es, 480 Bauernfamilien in 25 Dörfern zu unterstützen, damit sie bessere Erträge haben. Früher kam der Regen immer zur selben Zeit. Jetzt kommt er unregelmässig und manchmal kommt zu viel und manchmal zu wenig. Die Reispflanzen verfaulen oder verdorren. Familien verlieren ihre Existenz, für die sie hart arbeiten. Klimawandel heisst Armut und nicht nur, dass es heiss ist! In Workshops lernen Bauernfamilien, was sie tun können: Zum Beispiel Netzchen über die Felder und über die Tiere breiten, weil es mehr Schädlinge gibt. Oder andere Reissorten anpflanzen. Kambodschanische Experten schulen Menschen in den Dörfern, die dann andere anleiten.
Bei uns gibt es das Sprichwort: «Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht». Wie ist das bei euch, wenn ihr Neues einführt?
Auch so und das ist verständlich. Reis ist unser Grundnahrungsmittel. Es gibt den traditionellen, aromatischen Reis, der einmal pro Jahr geerntet wird. Und eine neue Sorte, die alle sechs oder sogar alle drei Monate geerntet werden kann. Die neue Sorte schmeckt nicht so gut; wenn man sie auftischt, muss man Fleisch dazu anbieten. Dafür haben viele kein Geld und bleiben bei der alten Sorte. Aber wer genug Platz hat, baut beides an: aromatischen Reis für die Familie den anderen zum Verkaufen.
Und was ist deine Aufgabe?
Ich vernetze alle Beteiligten miteinander. Ich organisiere Workshops, bringe Experten in Verbindung mit Dorfverantwortlichen, bereite Treffen vor. Ich bin keine Bäuerin. Warum sollten die Bauernfamilien mir vertrauen? Sie verstehen nicht, dass man Landwirtschaft studieren kann – man pflanzt doch einfach an. Ich muss sie also in Kontakt mit andern Bauernfamilien bringen, die erfolgreich sind, dann funktioniert die Sensibilisierung. Und ich mache ihnen gerne Mut.
Wie tust du das?
Ich frage, wie es geht und höre zu. Ist ein Huhn gestorben, überlegen wir, woran es gelegen haben könnte. Manchmal sage ich: «Schau, andere machen es so.» Ich gebe keine Anweisungen. Ich will mich zu den Menschen stellen, nicht über sie. Ich bin nicht besser, ich bin wie sie. Ich will mich einfühlen, wirklich mitfühlen und ihre Würde achten. Wenn sie mir sagen, «sitz auf den Stuhl», dann frage ich, wie sie es gewohnt sind. Sitzen sie auf dem Boden, setze ich mich zu ihnen. Am Anfang habe ich zu viel von ihnen verlangt. Ich war ungeduldig, wenn sie Anweisungen nicht umsetzten. Dann sagte ich mir: «Sie leben abgelegen, sie kennen nur ihr Dorf.» Hier leben viele alte Leute; sie hängen am Alten. Manchmal geht es mit dem Neuen, manchmal nicht. Aber ja, ich brauche Zeit und Geduld, sehr viel Geduld.
Warum leben vor allem ältere Leute in den Dörfern?
Die Jungen gehen weg, in die Stadt. Die Grosskinder bleiben im Dorf. Manche Jungen finden eine Anstellung, bei der sie anständig behandelt werden und schicken einen Betrag nach Hause. Andere werden Opfer von Drogen, Ausbeutung oder Menschenhandel. Das ist eine stille Tragödie, die viele Eltern betrifft. Manche hören nie wieder von ihren Kindern, sie wissen nicht einmal, ob sie noch leben. Ihre Kinder sind einfach weggegangen.
Was braucht es, damit es den Menschen in Kambodscha besser geht?
Korruption ist ein grosses Problem. Um sie zu beenden, müssten die Menschen ein Auskommen haben; genug zu essen, Gesundheitsversorgung und Bildung. Wer Hunger hat, wird fast alles tun, um seine Familie zu versorgen. Zuerst müsste die Korruption in der Regierung aufhören, doch ich habe wenig Hoffnung… Die Opposition wird unterdrückt; viele sitzen im Gefängnis. Es gibt die jungen Leute im grünen T-Shirt, die nicht wollen, dass man weiter Bäume abholzt. Sie gehen auf die Strasse und sind mutig. Doch sie werden verhaftet. Ich kann das nicht verstehen! Sie haben nichts getan, sie haben nichts gegen die Regierung gesagt.
Was gibt dir, trotz allem, Hoffnung?
Geschichten wie diese: Kürzlich habe ich Familie Heng besucht. Der Vater hatte eine Stelle in der Stadt, er hatte aber nur selten frei und konnte kaum bei seiner Familie sein. Darum hat er etwas Kapital auf die Seite gelegt. Damit baut er jetzt für seine Familie traditionellen Reis an und zum Verkaufen die neue Sorte. Die Mutter züchtet Heuschrecken, die sie frittiert und verkauft. Diese Familie hat genug zu essen, die Tochter geht zur Schule. Sie können bescheiden, aber gut leben.
Methodist:innen und Klimagerechtigkeit
Wie gehen Methodist:innen mit den Herausforderungen der Klimakrise um? Eine dreiteilige Video-Serie geht diesen Fragen nach.
«Klimawandel kostet Menschenleben.» Pfarrerin Sarah Bach fragt, welche Rolle die Kirche spielen will, wenn es um Ungerechtigkeiten geht, die der Klimawandel verursacht.
Youtube Video
«Ja, der Glaube ist eine persönliche Sache, aber wir könnten viel mehr tun für den Schutz unseres Planeten», findet Filipa Teixeira aus der methodistischen Kirche in Portugal.
Youtube
«Der Fokus von Glaubensgemeinschaften sollte darauf liegen, Veränderungen des Systems zu bewirken, bevor es uns vernichtet.» Die katholische Theologin Carmody Grey über Ansatzpunkte zu mehr Klimagerechtigkeit.
Youtube
Weitere Denkanstösse und Berichte sind hier zu finden:
Helfen Sie mit, die Folgen der Klimakrise zu lindern
Socheata Chap ist Koordinatorin für Connexio hope und Connexio develop. Sie coacht Leitungspersonen der Methodistenkirche in Kambodscha in kirchlichen und sozialen Projekten.
Um die Situation der Bauernfamilien zu lindern, unterstützen wir ein Dorfentwicklungsprojekt (develop) und die Arbeit der Methodistenkirche (hope)
Connexio hope, Zürich, CH09 0900 0000 1574 7657 4 «Kambodscha»
Connexio develop, Zürich, CH44 0900 0000 1574 7157 9 «Kambodscha»