Methodist:innen in Argentinien: «Wir halten dagegen!»

Viele Menschen sind in die Armut abgerutscht. Demonstrieren sie, greift die Polizei hart durch. Was kann die Methodistenkirche in dieser Situation tun? Bischof Américo Jara Reyes spricht über Gründe der Armut, heruntergeschluckte Wut und eine Kirche, die hinschaut und handelt.

 

Américo Jara Reyes ist seit neun Jahren Bischof der Methodistenkirche in Argentinien, verheiratet, und Vater von vier erwachsenen Töchtern. Im Connexio-Mission-Talk vom 2. März, einem rund einstündigen, öffentlichen Zoom-Treffen, hat er zuerst seine persönliche Lebensgeschichte geteilt.

Diktatur überlebt

«Ich bin in Chile aufgewachsen. Mein Vater kam zur Zeit der Diktatur ins Gefängnis und wurde umgebracht.» Seine Mutter ist danach mit den Kindern nach Argentinien ausgewandert. «Ich bin also ein Migrant, ich bringe diese Erfahrung mit», hält Américo Jara Reyes fest. In Argentinien hat er erneut eine Diktatur und die Entwicklung des Sozialismus miterlebt. Dieses Erleben präge seine Sicht auf die aktuelle Situation. Es sei ihm wichtig, für Gerechtigkeit und Menschenrechte einzustehen «und ich stehe auf, wenn Lügen verbreitet werden!»

21’000 Unternehmen geschlossen

Viele Menschen in Argentinien seien damit beschäftigt, zu überleben. Pensionierte können ihre Miete nicht mehr bezahlen, kranken Menschen fehlt das Geld für die Medikamente und die Armut bei Kindern hat zugenommen. Unter anderem habe Argentinien Strukturveränderungen verpasst und die Wirtschaft an Bedeutung verloren, findet Américo Jara Reyes. Seit Antritt von Präsident Javier Milei leide das verarbeitende Gewerbe unter der Liberalisierung der Importe. «Rund 21’000 Unternehmen, darunter viele KMU, sind in den letzten zwei Jahren geschlossen worden; die Arbeitslosigkeit hat stark zugenommen», zeigt er Aspekte der hoch komplexen sozioökonomischen Situation auf.

memoria-verdad-y-justicia-iglesia-metodista-argentina
Leeres Portemonnaie

Auch wenn die Inflation zurzeit nicht mehr so stark ansteigt, ist die Kaufkraft der Löhne und Renten stark gesunken. «Das Portemonnaie vieler Menschen ist schlicht leer.» Diejenigen, die fast kein Einkommen haben, erhalten kaum noch Hilfe vom Staat, denn dieser spart bei den Renten und im Bildungs- und Gesundheitsbereich. Doch auch für den Mittelstand sei es schwierig: «Wer schon immer in Armut lebte, hat eher Übung im Überleben. Juanita aus dem Armutsviertel kocht vielleicht regelmässig für andere und hat ihr kleines Business aufgebaut,» erklärt Américo Jara Reyes, «viele, die zum Mittelstand gehören, sind hilflos.»

Aus Frust gewählt

Und warum hat die Bevölkerung Milei gewählt? Das habe unter anderem mit der Pandemie zu tun. «Damals brach für manche Menschen Vieles weg. Die Politikerinnen und Politiker haben nicht auf diese Notsituation reagiert. Das hat Frust und eine grosse Wut ausgelöst; die Leute haben gefunden: die Elite muss jetzt weg! Milei hat genau das versprochen.» Gerade benachteiligte Leute hätten ihn gewählt, weil er anders sei. «Doch Milei nutzt die Bevölkerung schamlos aus. Nur eine sehr kleine Elite profitiert von der aktuellen Politik.»

Häusliche Gewalt nimmt zu

Sein Eindruck sei, so Américo Jara Reyes, dass viele ihre Wut gegen innen richteten. «Im Jahr 2001, als die Wirtschaft völlig zusammenbrach, gingen alle auf die Strasse und demonstrierten laut. Jetzt ist es anders. Viele schreien ihre Wut und Not nicht mehr heraus; sie lassen diese ihre Familie spüren. Die häusliche Gewalt hat enorm zugenommen.» Die Methodistenkirche führt ein Kinderheim. «Wir haben vermehrt Kinder, die Zeichen von schwerer Misshandlung tragen.» Auch Drogen seien ein grosses Problem. Es gäbe mehr Drogenkartelle als früher, die davon profitierten, dass die aktuelle Regierung ein Vakuum geschaffen habe und zu wenig eingreife.

Hoffnung säen

Der Präsident sage immer, dass es zuerst schlimmer werden müsse, bevor es besser würde. Américo Jara Reyes glaubt nicht daran: «Nein, es wird nicht besser. Im Gegenteil. Was jetzt zerstört ist, braucht Jahre, bis es wieder aufgebaut ist.» Was also tun? «Die kleine Methodistenkirche kann die grossen Probleme nicht lösen oder Entwicklungen stoppen. Wir können auch nicht allen helfen. Aber: Wir streuen Samen aus; da und dort und immer wieder. Wir vernetzen uns. Wir demonstrieren. Wir halten dagegen, wenn wir Unrecht wahrnehmen. Wir helfen Menschen in Not, ganz praktisch.» Es ginge darum, Hoffnung zu säen, unermüdlich und ohne Gewalt, betont der Bischof. «Und mir ist die Freude wichtig, die wir in Jesus haben. Die will ich, die müssen wir uns bewahren; diese Freude dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Ich selbst bin ein fröhlicher Mensch; ich mag Musik, Singen und Gitarre spielen.»

Wirbelsäule sein

Die Methodistenkirche hat Gemeinden vom Süden bis zum Norden des Landes. Das sei eine grosse Stärke. «Wir sind wie eine Wirbelsäule der evangelischen Kirchen. Wenn eine Kirche an einem neuen Ort etwas aufbauen möchte, dann arbeitet sie oft mit uns zusammen.» Die Methodistenkirche, die seit 190 Jahren besteht, zeigt auch auf andere Weise Rückgrat. Bereits während der Diktatur (1976-1983) engagierte sie sich für Menschenrechte. Noch immer zeigt sie – nicht nur an Gedenktagen – die Gesichter von Menschen, die damals verschwunden sind. Sie demonstriert für faire Renten und gegen eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Wo die aktuelle Regierung Menschenrechte verletzt, fordert sie, gemeinsam mit anderen Kirchen und Organisationen: Nie mehr Diktatur!

 

Weiterführende Links 

Dioe Kirche in Argentinien nimmt Stellung zum Thema Menschenrechte

Wie handeln wir gewaltlos in diesen Zeiten? Américo Jara Reyesschreibt darüber in einem Brief an Pfarrpersonen. 

 

 

Ihre Spende hilft! 

Die Methodistenkirche in Argentinien setzt sich für soziale Gerechtigkeit, das Recht auf Migration, Klimagerechtigkeit und Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ein. Sie thematisiert diese Aspekte von Gerechtigkeit in Seminaren, online-Foren für Jugendliche und durch öffentliche Stellungnahmen.

Connexio hope, die Organisation für kirchliche Zusammenarbeit der Methodist:innen in der Schweiz, leistet finanzielle Unterstützung.

Connexio hope, Zürich, CH09 0900 0000 1574 7657 4 Vermerk «Argentinien»

 

Nicole Gutknecht
Begegnungen & Kommunikation
Beitragsbild: Bischof Américo Jara Reyes