Gracias por todo! – Ein Abschiedsinterview mit Flavia und Roman

Im September verabschieden wir Flavia Contreras und Roman Gnägi, unsere Koordinationspersonen in Südamerika, deren zweijährige Arbeit Spuren hinterlässt. Sie haben nicht nur Projekte vorangebracht, sondern auch das Team mit ihrer Offenheit und ihrem Können geprägt. Geheimnisse aus der Projektarbeit zu verraten.

Bevor sie neue Wege beschreiten, haben wir sie gebeten, auf ihre bewegtesten Momente zurückzublicken, Erfolge zu teilen – und vielleicht sogar ein paar

Was sind aktuell die grössten Herausforderungen in den Projekten?

Die Auswahl der Pilotprojekte für das bolivianische Programm ist eine grosse Verantwortung. Wir möchten sicherstellen, dass die Projekte sinnvoll, interessant und relevant sind und dass eine gute (wenn eventuell auch spezialisierte) Sache unterstützt wird, die sonst vernachlässigt würde.

Ausserdem führt die aktuelle wirtschaftliche und soziale Krise im Land im Vorfeld der Wahlen im August zu grosser Unsicherheit. Zusammen mit der hohen Inflation haben viele Partnerorganisationen Mühe, ihre Projekte wie geplant umzusetzen.

Welche lokalen Erfolge oder besondere Momente habt ihr kürzlich erlebt?

Das Projekt der urbanen Gärten in La Paz ist stark gewachsen, und die älteren Menschen, die dort arbeiten, zeigen grosse Begeisterung– sie freuen sich über die Zusammenarbeit mit den beiden jungen Frauen, die die Aktivitäten koordinieren, und haben uns mehrfach gesagt, dass dieses Projekt ihnen Hoffnung und Vorfreude gibt.
Auch die Zusammenarbeit zwischen dem Menschenrechtsfilmfestival Bajo Nuestra Piel und dem Team der urbanen Gärten in La Paz hat uns gefreut. Die beiden Projekte haben gemeinsame Aktivitäten gestartet – das Teilen von Ressourcen und Engagement über die eigene Zielgruppe hinaus ist einfach grossartig.
Trotz der schweren Wirtschaftskrise in Argentinien hat die Lechería de la Solidaridad die wirtschaftliche Unsicherheit überwunden, in der sie sich eine zeitlang befand, und ist heute eine starke Institution mit einem jungen, dynamischen Team und optimistischen Zukunftsaussichten. Connexio develop hat dazu beigetragen, aber letztlich ist das alles der harten Arbeit des Teams zu verdanken.

Welcher besondere Moment hat euch gezeigt, dass unsere Zusammenarbeit Früchte trägt?

Als ein Projekt kürzlich eine grosse Spende erhielt. Es war eine Ehre, diesen Moment mitzuerleben. Es war schön zu sehen, wie die grossartige Arbeitsmoral des Projektteams gewürdigt wurde. Wir waren sehr stolz auf die Arbeit von Connexio develop, das sich für diese wertvolle Partnerorganisation einsetzt.
Ein anderes Zeichen war, als Connexio von anderen NGO für Kooperationen angefragt wurde. Das Vertrauen in unsere Arbeit zu spüren und zu merken, dass wir etwas bewegen, ist das Schönste an dieser Tätigkeit.

Wie stellt ihr sicher, dass die Projekte nachhaltig und gemeinschaftsorientiert umgesetzt werden?

Wir achten darauf, dass die lokale Partnerorganisation eine relevante Gegenfinanzierung für das Projekt hat und, wenn möglich, diversifizierte Finanzierungsquellen. So besteht auch dann eine Chance, die Arbeit fortzusetzen, wenn Connexio die Finanzierung einstellen muss. Wir teilen mit ihnen auch die Prinzipien, die Connexio leiten, wie Leave No One Behind (Niemanden zurücklassen) und unsere strategische Ausrichtung (SDG 16+). Zudem hören wir auf ihre Erfahrungen und berücksichtigen ihre institutionellen Ziele, Prioritäten, Stärken und die Art der Organisation. Projektantrag und -umsetzung sind voll und ganz in der Hand unserer Partnerorganisationen. Wir stellen Fragen und entscheiden dann, ob ein Projekt zu Connexio passt.

Gibt es kulturelle oder politische Aspekte in eurer Region, die wir stärker berücksichtigen sollten?

Derzeit stärken wir das bolivianische Programm, unter anderem weil die wirtschaftliche und soziopolitische Lage sehr heikel und angespannt ist. Prognosen deuten darauf hin, dass das Land nach den Wahlen in eine schwere Wirtschaftskrise geraten könnte. In der Entwicklungszusammenarbeit sind wir uns dessen bewusst, sind aber leider, wie andere auch, nicht mit den nötigen Mitteln ausgestattet, um die Auswirkungen auf die Bevölkerung abzufedern. Zudem besteht immer das Risiko gewaltsamer Unruhen, was die Mobilität und Aktivitäten unserer Partner:innen einschränken könnte.

Wie sieht der Alltag der Menschen aus, die an den Projekten teilnehmen, die wir unterstützen?

Die Menschen führen ein normales Alltagsleben mit Freuden und Herausforderungen, genau wie in der Schweiz. Sie geben jeden Tag ihr Bestes. Eine allgemeine Aussage zu konkreten Veränderungen ist schwierig, da die Projekte sehr unterschiedlich sind. Aber sie werden gesehen, finden Anerkennung und fühlen sich auf ihrem Weg zu einer besseren Gemeinschaft unterstützt.

Was sollten wir unbedingt wissen, das in Berichten nicht erwähnt wird?

Dass die Menschen in Südamerika sehr hart arbeiten. Wir hatten das Glück, Berufstätige mit grosser Arbeitsmoral und unerschütterlichen Prinzipien und Werten kennenzulernen. Bei traditionellen Entscheidungsprozessen und Gemeinschaftsorganisation sind Respekt vor Demokratie, Verantwortung und gemeinsamer sowie individueller Verantwortung sehr ausgeprägt.

Roman Gnägi, Koordination Südamerika
Was könnte Spenderinnen und Spender an eurer Arbeit überraschen?

Vielleicht, dass wir nicht ständig auf Reisen oder im Einsatz vor Ort sind. Ja, wir leben im Ausland und erleben verschiedene Kulturen, aber es ist keineswegs ein Dauerurlaub! Die Arbeit erfordert viel Planung und Koordination.
Ein weiterer Punkt: Wir rücken bewusst die Partnerorganisationen und ihre Teams in den Vordergrund. Bei der Umsetzung der Aktivitäten sind wir nicht immer hautnah dabei, sondern unterstützen aus der Ferne. Und trotz der ernsten Themen, mit denen wir uns befassen, bleibt der Umgang miteinander locker – ein wenig Humor hilft, auch in schwierigen Situationen.

Welche Träume oder Ziele haben die Menschen vor Ort?

Natürlich kann man nicht für alle Menschen vor Ort sprechen, da ihre Träume und Ziele sehr unterschiedlich sind. Generell wünschen sich die Menschen in dieser oft von Krisen betroffenen Region vor allem ein wenig Stabilität. Wie in der Schweiz streben die meisten nach einem erfüllten Leben mit Entwicklungsmöglichkeiten. Und allgemein sind unsere Freundinnen, Freunde und Kolleginnen und Kollegen in den drei Ländern sehr stolz auf ihre Kultur, die Errungenschaften ihrer Gesellschaften und die Schönheit Lateinamerikas. Zusammen können wir als gleichberechtigte Partner arbeiten, im Bewusstsein, dass die Schweiz, Chile, Argentinien und Bolivien alle Stärken und Schwächen haben und viel zu einer Zusammenarbeit beitragen können. Gegenseitiger Respekt ist der Schlüssel, um gemeinsam das Leben aller zu verbessern – in Europa oder Lateinamerika

Was war das überraschendste oder lustigste Missverständnis?

Als Mexikanerin dachte ich, ich hätte kein Problem mit dem Spanisch in Bolivien – aber weit gefehlt! Manchmal verwendete ich Wörter, die hier einfach niemand verstand. Die Leute schauten mich nur verwirrt an, als ob ich eine Geheimsprache spräche.

Was werdet ihr am meisten vermissen?

Flavia: Den Blick auf den Illimani (den höchsten Berg bei La Paz) in der Innenstadt, die Wandgemälde und das kalte Wetter in La Paz, die Cumbias (lateinamerikanische Musik) in der ganzen Stadt, spontane Fahrten mit dem Teleférico (Seilbahn), Singani (ein wunderbarer lokaler Schnaps) und vor allem die tollen Freundschaften, die wir hier geschlossen haben. Ich werde auch unsere wöchentlichen Teammeetings mit unserem Kollegen Andreas vermissen – unsere Arbeitssitzungen waren lustig und voller freundschaftlicher Neckereien. Ich habe von ihm gelernt und hatte immer das Gefühl, dass er hinter uns steht.

Roman: Wir haben hier in La Paz unglaubliche Freundschaften geschlossen, die ein Leben lang halten werden. Ich werde einfach vermissen, diese Freunde jederzeit treffen zu können, aber die Freundschaften bleiben bestehen, und wir werden uns wieder sehen – in Europa, Lateinamerika oder anderswo.

Beitragsbild: Flavia Contreras und Roman Gnägi, Koordination Südamerika Foto: privat zVg
Welche Länder und Projekte haben die beiden betreut?
 
Flavia und Roman waren für Projekte in Argentinien, Bolivien und Chile zuständig. 

Und wer folgt? Bienvenido Carolina!

Wir freuen uns, Carolina Verónica Zaballa Romero als Nachfolgerin von Flavia und Roman bei uns im Team willkommen zu heissen. Wir haben Carolina gebeten, etwas über sich zu erzählen.

«Ich bin eine bolivianische Psychologin mit Schwerpunkt Menschenrechte. Ich setze mich für eine gerechtere Gesellschaft ein. Ich bin überzeugt: Zusammenarbeit über Grenzen hinweg, Fachleute aus verschiedenen Berei-chen und starke Netzwerke bringen unsere Region weiter.

Ich habe das Freiwilligenprojekt „Pintando Sonrisas” (Lächeln malen) gegründet. Wir verbessern die Lebensqua-lität von Kindern und Jugendlichen in Risikosituationen – mit oder ohne Behinderung. Startpunkt war die Arbeit mit Kleinkindern, die mit ihren Eltern in bolivianischen Gefängnissen leben.

Zusätzlich habe ich eine Initiative für Überlebende geschlechtsspezifischer und sexueller Gewalt sowie von Men-schenhandel ins Leben gerufen. Obwohl ich den grossen Bedarf in Bolivien nicht allein decken kann, bin ich überzeugt: Psychische Gesundheit ist entscheidend für Gewaltprävention, stärkt Unterstützungsnetzwerke für Betroffene und fördert eine inklusive Gesellschaft.

Aktuell unterstütze ich in Zusammenarbeit mit Organisationen die vom Staat vergessenen Kinder und Familien von Femizid-Opfern – Menschen, denen ein würdiger Trauer- oder Wiedergutmachungsprozess fehlt.

In einer zersplitterten Gesellschaft, in der Gesetze nicht funktionieren, habe ich gelernt, mir kurzfristige Ziele zu setzen, und mich über kleine Fortschritte zu freuen.  Wichtig ist, zu handeln und Veränderung zu bewirken. Ich will das Unsichtbare sichtbar machen und denen eine Stimme zu geben, die nicht gehört werden.»

Danka Bogdanovic
Kommunikation & Fundraising