«Es ist unverständlich, wie das Volk für einen faschistischen Kandidaten stimmen kann.»
In Chile findet am Sonntag die erste Runde der Präsidentschaftswahl statt. Diese dürfte zu einer Richtungsentscheidung führen. Felipe Rojas Cortés aus der Methodistenkirche in Chile berichtet über Stimmung und Hintergründe, befürchtete Auswirkungen für Migrant:innen und ein Dilemma der Kirche. Und er schlägt den Bogen zu Europa.
Felipe, wie ist gerade die Stimmung in Chile und was beschäftigt die Menschen im Vorfeld der Wahlen?
Zuerst: Ich berichte hier als Methodist, Soziologe und Pfarrer der Methodistenkirche in Chile. Die aktuelle Lage in Chile ist wegen der politischen Polarisierung von Unsicherheit geprägt. Am meisten beeindruckt die Gegeninformation der extremen Rechten. Diese unterstützt einen Kandidaten, der direkt mit neoliberalen Praktiken und Kapitalismus verbunden ist. Zudem zeigt er soziokulturelle Denkweisen, die nicht nur in der heutigen Zeit, sondern auch während der Militärdiktatur in Chile zur Unsichtbarkeit der Menschenrechte geführt haben. Es ist unverständlich, wie das Volk für einen faschistischen Kandidaten stimmen kann. Doch die Antwort ist einfach: Die Gegeninformation, die Desinformation und die schlechten politischen Praktiken haben dazu geführt, dass er eine öffentliche Agenda aufrechterhalten hat mit Elementen, die nur leichtgewichtig und wie ein Kartenhaus waren, das zusammenbrach. Doch der Kandidat hat nichts verbessert, geschweige denn die offensichtlichen Fortschritte anerkannt, die die Regierung des derzeitigen Präsidenten Bóric erzielt hat.
Wie positioniert sich die Kirche oder Kirchenleitung? Gibt es Vorlieben oder sind die Meinungen geteilt? Welches sind die Befürchtungen und Hoffnung für die nächsten Wochen?
Die Haltung der Kirche ist es, zu einer informierten Stimmabgabe aufzurufen und nicht an Fake News oder Versprechungen zu glauben, die von der christlichen Lehre abweichen. Diese will das Reich Gottes aufbauen; ein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit, der Solidarität und der Befreiung – und nicht der Unterdrückung. Unsere Sorgen sind dieselben wie die jeder Bürgerin und jedes Bürgers. Wir beobachten die Radikalität der Positionen und fragen uns, wie sich dies auf die Umsetzung öffentlicher Massnahmen auswirken wird, die mit dem Alltag zu tun haben. Also wie es in Zukunft aussieht mit der Verringerung der Ungleichheit, dem Wachstum und der sozialen Stabilität, der Bildung und der nachhaltigen Entwicklung.
Welchen Auswirkungen wird die Wahl auf Personen haben, die in der Gesellschaft eine schwache Position haben, insbesondere auf Migrantinnen und Migranten?
Die Auswirkungen sind vielfältig: Einerseits hat ein Kandidat seine völlige Ablehnung gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund zum Ausdruck gebracht. Diese sind am stärksten marginalisiert und ihre Rechte werden systematisch verletzt. Leider sind diese Auswirkungen Teil eines sozialpolitischen Programms mit propagandistischem Ansatz, das zu einer Destabilisierung geführt hat. So wird die Einrichtung einer Notstandsregierung, wie sie der Kandidat der extremen Rechten fordert, als eine Art Balsam für die angebliche Krise, in der wir leben, angesehen. Wir glauben jedoch, dass es klare Orientierungen in dieser Hinsicht gibt, entsprechend den politischen Programmen der einzelnen Kandidaten. Einer war offen und wir wissen, in welche Richtung sein Regierungsprojekt geht, bei einem anderen haben wir Angst. Denn ihm geht es im Moment nicht mehr um das Programm, sondern darum, an die Macht zu kommen.
Welchen Einfluss wird die Wahl auf die soziale Arbeit der Methodistenkirche in Chile haben?
Die Sozialprogramme im Zusammenhang mit der Gleichstellung der Geschlechter, der Anerkennung indigener Völker, der Migration usw. sind wenig sichtbar. Diese geringe Sichtbarkeit wird sich verstärken. Doch wenn wir das Ganze mit der Logik betrachten, dass Kirche Gemeinschaft ist, dann begreifen wir, dass unsere Kirchen Zufluchtsorte für Minderheiten, Ausgegrenzte, Unterdrückte und von der Gesellschaft Verfolgte sind. Die Kirche steht erneut vor einem Dilemma: Schweigen kann Leben „retten”, aber es macht sie zur Komplizin des sozialen Elends. Die prophetische Stimme, die die Kirche erheben muss, wird jedoch auch Ausdruck eines unerschütterlichen Glaubens sein. Dieser kann verfolgt werden, weil er strukturelle soziale Sünden anprangert.
Was ist dir sonst noch wichtig zu sagen?
- Die Wahlen in Chile zeigen, wie der Vertrauensverlust in die traditionellen Parteien Kandidaten mit harter Rhetorik Tür und Tor öffnen kann, die die Gewaltenteilung und die Unabhängigkeit der Justiz schwächen.
- Die Wahl eines Politikers, der weder die Bürgerbeteiligung fördert noch Minderheiten respektiert, kann zu Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten, Verfolgung und Machtkonzentration in der Exekutive führen, was dauerhafte Auswirkungen auf die Demokratie hat.
- Die Erfahrungen Chiles warnen Europa davor, dass soziale Unzufriedenheit, wenn sie nicht durch transparente Institutionen und echte Beteiligung kanalisiert wird, zu autoritären Optionen führen kann, die schnelle Ordnung auf Kosten demokratischer Rechte und Kontrollen versprechen.
Wahlen in Chile
In Chile findet am Sonntag die erste Runde der Präsidentschaftswahl statt. Die Wahl dürfte zu einer Richtungsentscheidung zwischen ultrarechts und links werden. Insgesamt bewerben sich acht Kandidatinnen und Kandidaten um die Nachfolge des linksgerichteten Präsidenten Gabriel Boric. Als Favoriten gelten der ultrarechte Pinochet-Fan José Antonio Kast, dessen Vater unter den Nazis Wehrmachtssoldat war, sowie die Sozialdemokratin Jeannette Jara. Sie ist zwar noch Mitglied der Kommunistischen Partei, gilt aber als gemäßigt links. Auch die Hälfte der Senator:innen und alle 155 Abgeordnete werden neu gewählt. Quelle: «Die Zeit»
Die Methodistenkirche in Chile…
…setzt sich unter anderem stark für Migrant:innen ein. Dies tut die Kirche auf politischer Ebene, aber auch ganz praktisch: Gemeinden bieten einen Mittagstisch oder Kinderhort an, leisten Nothilfe oder unterstützen mit Rechts- und Gesundheitsberatung.
Das SRF hat einen „mitenand“ Beitrag dazu gemacht. Er findet sich hier: Link zum Beitrag
Connexio develop unterstützt das Projekt «Zukunft für Migrant:innen in Chile» mit finanziellen Beiträgen.
Connexio develop, Zürich, CH44 0900 0000 1574 7157 9, Vermerk «Migrant:innen Chile »