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… damit wir auch in Zukunft Rüebliraupen in unserem Garten finden

20. Februar 2024

Der 20. Februar ist der Welttag der sozialen Gerechtigkeit. Corinna Bütikofer hat beruflich mit den Nachhaltigkeits-Zielen (SDG) der UNO zu tun. Sie erzählt von ihrer grossen Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit und zeigt auf, wie wir alle gemeinsam auf eine Welt hinarbeiten könn(t)en, in der alle ein gutes Leben haben.

Corinna, «Nachhaltigkeits-Ziele», das ist ein sperriges Wort: Wie würdest du deiner 9-jährigen Tochter Lindiwe erklären, was das ist?

Ich würde ihr sagen, dass alle Länder der Welt eine Abmachung miteinander gemacht haben: Eine Abmachung, damit zum Beispiel alle Kinder in die Schule gehen können und wir auch in Zukunft Rüebliraupen im Garten finden. Eine Abmachung, damit keine Kinder aus der Ukraine fliehen müssen und ihre Cousine oder ihr Grossvater aus Malawi uns auch mal hier in der Schweiz besuchen könnten. Dass es eine Abmachung ist, die nur funktioniert, wenn wir alle daran arbeiten.

Hast du selbst ein Lieblings-Ziel? Und warum gerade dieses?

Das Gute an den Nachhaltigkeits-Zielen ist, dass sie ineinandergreifen und es klar ist, dass wir das eine Ziel nicht ohne ein anderes erreichen können. Zum Beispiel können wir uns nicht für eine gute Ausbildung für alle Menschen einsetzen, ohne dabei zu berücksichtigen, warum Mädchen und Frauen eine solche Ausbildung verwehrt wird und Strategien zu entwickeln, um dies zu ändern. Das ist eine Lehre, die man aus den früheren «Millenium Development Goals» gezogen hat. Persönlich spricht mich das Ziel 16 – Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen – am meisten an. Es nimmt meine grosse Sehnsucht nach Frieden auf. Ich verzweifle manchmal daran, zu wieviel Grausamkeit die Menschheit fähig ist. Zudem umfasst dieses Ziel alle anderen Ziele: Wenn wir Frieden wollen, dann müssen wir schauen, dass alle Menschen genug zu essen haben, sich eine Gesundheitsversorgung leisten können, der Natur Sorge getragen wird, etc. Werden diese Ziele nicht erreicht, dann gibt es immer wieder Gründe, warum es zu Konflikten kommt, die nicht friedlich gelöst werden.

Zur Person

Corinna Bütikofer arbeitet für Connexio develop, das Hilfswerk der Methodist:innen in der Schweiz.

Sie begleitet unter anderem gemeinsam mit dem Koordinator Blanchard Ayinza Boke die Partnerorganisationen in der Demokratischen Republik Kongo, wenn diese Projekte umsetzen wollen, die das Leben der Menschen verändern.

Corinna Bütikofer ist verheiratet mit Rabbyce Nkhoma und hat drei Töchter.

Wie versucht Connexio develop dieses Ziel umzusetzen und was läuft dabei gut, was ist schwierig?

Connexio develop ist Teil des Dachverbands Kooperationsgemeinschaft  Das gemeinsame Programm basiert auf dem SDG16+ , das ist die Verbindung von Ziel 16 mit anderen Zielen. Daran richten sich unsere Projekte aus und dazu tragen sie bei: Die Spitäler in der DR Kongo ermöglichen vielen Menschen den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen. Oder junge Frauen, die teilweise sexuelle Gewalt überlebt haben, lernen lesen und schreiben und besuchen Kurse, um ein eigenes Einkommen zu generieren. Ein Friedensförderungsprojekt bringt Menschen aus unterschiedlichen sozialen Gruppen zusammen und sie lernen, Konflikte gewaltlos zu lösen. Das Herausfordernde ist, dass gesellschaftliche Veränderungen langsam erfolgen, und dass dieser Wandel schwierig aufzuzeigen ist. Dazu kommt, besonders in der DR Kongo, dass die grossen Konflikte eine internationale Komponente haben, auf die die Menschen, die dort leben, wenig Einfluss haben. So kann innerhalb von wenigen Wochen viel kaputt gemacht werden.

So helfen Sie mit
Connexio develop unterstützt Projekte von Partnerorganisationen mit dem Ziel, dass alle Menschen ein Leben in Würde führen können.

Du selbst begleitest diese Projekte in der DR Kongo; wie siehst du deine Aufgabe?

Wenn wir Ideen haben und etwas machen wollen, ist es manchmal hilfreich, wenn uns jemand Fragen stellt oder Ideen einbringt. Dann schärft sich unser Verständnis und wir können gezielter arbeiten. Eine solche Aussenperspektive möchte ich für die Arbeit in der DR Kongo einbringen. Das ist nicht immer einfach, weil Connexio develop bei den meisten Projekten auch einen grossen Teil der Ausgaben finanziert und wir darüber auch wieder Rechenschaft ablegen müssen. Das Spannungsfeld zwischen «Anregungen aus einer Aussenperspektive machen» und «Einfordern von gewissen Punkten» ist nicht immer einfach.

Wechseln wir zu uns: Warum sollte sich die methodistische Kirche für die Nachhaltigkeits-Ziele einsetzen und wie kann sie dies tun?

Ich denke, die Sozialen Grundsätze der Methodistenkirche zeigen klar auf, welche Verantwortung die Kirche hat und wo es Handlungsbedarf gibt. Viele dieser Punkte finden sich in den nachhaltigen Entwicklungszielen wieder. Offene Augen und Ohren in den Gemeinden helfen zu erkennen, wo es im Umfeld soziale Ungerechtigkeit gibt. Vielleicht braucht es etwas Mut und Durchhaltevermögen, darauf zu reagieren. Aber ich glaube, insgesamt kann die Kirche nur davon profitieren.

Und was kann ich selbst in der Schweiz hier und heute für mehr soziale Gerechtigkeit tun?

Ich kann meine Augen öffnen und genau hinschauen, wo es in der Schweiz soziale Ungerechtigkeit gibt; das sind nicht wenige Bereiche. In welche Familie wir hineingeboren werden, hat einen grossen Einfluss, welche und wie viele Privilegien wir haben oder eben nicht. Dafür kann niemand etwas. Aber es ist unsere Verantwortung, sich dieser Privilegien bewusst zu werden und sie einzusetzen, um unsere Gesellschaft zu verändern und durchlässiger werden zu lassen. Das kann auch bedeuten, dass ich mich von meinen Privilegien verabschieden muss. Eine zweite Möglichkeit ist, Organisationen und Bewegungen zu unterstützen, die sich für mehr soziale Gerechtigkeit engagieren und mich aktiv am politischen Leben zu beteiligen. Was für die Schweiz gilt, gilt auch für den internationalen Kontext. Wir sollten die Privilegien, die wir als Schweiz haben, dafür einsetzen, damit die Welt gerechter wird. Und auch hier müssen wir uns früher oder später von Privilegien verabschieden, wenn wir mehr soziale Gerechtigkeit wollen. Das Wichtigste ist für mich, dass wir im Kleinen anfangen: In unserer Familie, in der Nachbarschaft, in meinem Verein, bei der Arbeit – es gibt unzählige Möglichkeiten!

Nicole Gutknecht
Bild: Corinna Bütikofer mit einem der Ziele, das ihr sehr wichtig ist. (privat, zVg)

Nachhaltigkeits-Ziele

Im Jahr 2015 hat die Weltgemeinschaft die Agenda 2030 verabschiedet und damit 17 globale Nachhaltigkeitsziele, die Sustainable Development Goals (SDGs), für eine sozial, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltige Entwicklung gesetzt. Auf Youtube sind sie einfach erklärt.